Neuinstrumentierung: Teleskope und Montierung für Sternwarte Rodewisch

Die Sternwarte Rodewisch in Sachsen hat eine lange Geschichte, die auf die Anfänge der Raumfahrt zurückgeht. Der Sternwartengründer Edgar Penzel hat im Jahr 1957 als erster Mensch außerhalb der ehemaligen Sowjetunion den ersten Satelliten Sputnik 1 fotografiert. Mit einem Drahtring, den er um einen Schulglobus gebogen hat, war es ihm möglich den Zeitpunkt des Auftauchens des Satelliten über Rodewisch grob zu bestimmen und „den Sputnik“ zu fotografieren. Die Fotos stießen damals auf großes Interesse im In- und Ausland, besonders natürlich in der Sowjetunion. Das war der Grundstein für jahrzehntelange visuelle und fotografische Satellitenverfolgung sowie astronomischen Beobachtungen des Himmels in Rodewisch. Nachdem 1978 der erste deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn ins All startete, wurde die im Jahr 1959 erbaute Sternwarte Rodewisch nach ihm benannt. Der Namenspate wohnte nicht weit von Rodewisch und kam bis zu seinem Tod 2019 regelmäßig zu Besuch.

Wenn man die Sternwarte und das angeschlossene Zeiss Planetarium betritt, umweht einen nicht nur diese lange Raumfahrtverbundenheit sondern auch die Liebe, mit der die Astronomie gepflegt wird. Die Wände sind übersät mit Informationen, Geschichten, Reiseberichten und Astrofotografien der Sternwartenmitglieder – jedem Hobbyastronomen geht beim Betrachten und Lesen das Herz auf. Hier wird Astronomie gelebt!


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Die Zeiss Holzkuppel wartet auf ihre neuen Instrumente

Wir haben uns sehr gefreut, als wir die Ausschreibung zur Neueinrichtung der Sternwarte gewonnen haben. Eine Montage in einer alteingesessenen Volkssternwarte ist immer etwas Besonderes, weil man nicht nur seiner Arbeit nachgeht, sondern auf Gleichgesinnte trifft mit denen es wirklich Freude macht sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten. So war es auch in Rodewisch: wir wurden von Herrn Graf, dem Sternwartenleiter, sehr herzlich empfangen. Alles war perfekt vorbereitet, die frisch renovierte Zeiss Holzkuppel präsentierte sich in fast neuwertigem Zustand. Zwar scheint die Sternwarte für einen langen Refraktor gebaut worden zu sein, weshalb die Kuppel recht hoch ist, doch eine sehr massive, alte und ebenfalls frisch renovierte Holztreppe ermöglicht es jedem Beobachter problemlos in jeder Stellung zum Okular zu gelangen.

Das PlaneWave CDK 20 wird auf die 10Micron GM 4000 HPS Montierung gesetzt

Gleich zu Anfang der Montage gab es das einzige Problem: der Betonsockel, auf den die neue Baader Stahlsäule montiert wurde, hat sich als widerspenstig erwiesen. Es war so viel Metall im Beton, dass die Betonanker nicht gegriffen haben. Aber so ein kleines Dilemma hält ein erfahrenes Montageteam nur kurz auf. Mit einigen Tricks gelang es im zweiten Anlauf die neue Säule sicher zu befestigen. Als dann die Montierung und das Planewave CDK 20 am Kran eingeschwenkt wurden haben viele Schaulustige, Presse und TV rund um die Sternwarte dem Schauspiel beigewohnt.

Alle Geräte sind montiert und werden justiert

Nach der groben mechanischen Installation am ersten Tag ging es am zweiten Tag ins Detail. In der Kuppel wurden zwei weitere Teleskope ( TEC APO 160 f/7 Fluorit Apochromat (#1351010, € 15750,-) und Celestron RASA 8" Astrograph f/2.0 (#822252) neben dem PlaneWave CDK 20" Astrograph f/6.8 (#1323220Q) auf der 10micron GM 4000 HPS Montierung (#1454010) installiert und justiert. Doch anders als zur Zeit der Sternwartengründung besteht das Equipment heutzutage nicht mehr nur aus Mechanik und Optik. Elektronik und Computer haben einen mindestens ebenso hohen Stellenwert bekommen und machen sicherlich mehr als 50% der Installationsarbeit einer modernen Sternwarte aus. Bis alle Kameras angeschlossen, die Netzwerktechnik verkabelt und zum Laufen gebracht war, vergingen etwa 12 Stunden. Ohne die bereits Wochen zuvor erfolgte Integration und Tests in unserem Werk in Mammendorf und ohne das von unseren Elektronikern und Computerexperten entwickelten Baader OMS (Observatory Management System) wäre der Zeitaufwand vor Ort noch wesentlich höher gewesen.

Zusätzliche Beobachtungsinsel für Sonne und Deep Sky

Parallel zur Arbeit an der Elektronik in der Kuppel wurde auf der Terasse eine 10micron AZ 2000 Montierung auf einer vorhandenen Säule installiert und mit einem TEC APO 140 f/7 Fluorit Apochromat (#1351005, € 8500,-) für die Sonnenbeobachtung, sowie einem Celestron 11" EdgeHD Teleskop (#822252) für die Deep Sky Beobachtung ausgestattet. Der erste Blick mit dem TEC und Baader 2" Cool-Ceramic Safety Herschelprisma (Visuell / Fotografisch) (verschiedene Versionen / Varianten erhältlich) auf die Sonne war umwerfend: Granulation über die ganze Sonnenscheibe! Der neue Solarspectrum SunDancer Filter hat dem Erlebnis noch die Krone aufgesetzt – den ganzen Tag über staunten die erfahrenen Amateurastronomen vor Ort über ein Halpha Sonnenbild mit Details, wie man es ansonsten nur von den besten Amateuraufnahmen kennt. Feinste fadenförmige und schnell veränderliche Strukturen in Protuberanzen, das „chromosphärische Gras“, die Spikulen, in höchster Auflösung, toller Kontrast auf der Oberfläche.

Die Beobachtungsinsel beim 1st Light

Bis zur Dämmerung waren die meisten Arbeiten abgeschlossen, und nun ging es ans Justieren und das Alignment der Montierungen. Die AZ 2000 war dank der ausgefeilten Firmware von 10micron in wenigen Minuten einsatzbereit. Von nun an konnte man sich hin und wieder den Blick durch eines der Teleskope nicht mehr verkneifen – trotz der noch nicht abgeschlossenen Arbeiten. Der TEC 140 FL begeisterte mit einem knackscharfen, farbreinen und kontrastreichen Mondbild. Das Edge HD 11" Teleskop mit seiner hohen Auflösung zeigte selbst winzigste Bergschattenverläufe und Kraterränder in großer Detailfülle.

In der Kuppel war bei der Poljustage der parallaktischen Montierung etwas mehr Arbeit als draußen, doch mit der ausgefeilten Alignmentroutine und Erfahrung aus vielen Sternwartenmontagen konnte eine Exaktheit der Polachsenausrichtung im Bogensekundenbereich erzielt werden. Abschließend wurden 50 Himmelsfelder automatisch mit dem CDK 20 und angeschlossener QHY 600 M/C BSI Cooled Kameras (verschiedene Versionen / Varianten erhältlich) angefahren, fotografiert, mit Platesolving Software ausgewertet und in die Montierung als Datenpunkte eingelesen.

Das 1st Light der Hauptgeräte in der Zeiss-Kuppel wird aufgenommen

Live-Bewertung der M51 Galaxie - 1st Light des PlaneWave CDK 20

Dadurch hat der Montierungscomputer jetzt genug Information um den Sternenhimmel mit einer Genauigkeit zu kalkulieren, welche Astrofotografie mit langen Belichtungszeiten auch ohne Autoguiding ermöglicht – trotz der langen Brennweite. Das „First light“ mit dem CDK 20 an M51 kurz vor Mitternacht bestätigte die Qualität der Installation.

Kurz darauf hat auch der parallel montierte Celestron RASA 8 gezeigt was er kann. Dieselbe Galaxie wurde mit nur einer Sekunde Belichtungszeit auf den Schirm gezaubert! In Zukunft wird kein Besucher mehr gelangweilt warten müssen, bis er an der Reihe ist durchs Okular zu schauen. Denn dank des lichtstarken RASA 8 und einer sehr empfindlichen QHY Kamera ist auf einem 55“ Bildschirm an der Wand das aktuelle Beobachtungsobjekt jederzeit  „live“ zu bestaunen.

Diese Montage war für uns ein sehr schönes und erfolgreiches Erlebnis in einer sehenswerten Umgebung. In Rodewisch steht nun alles bereit, was es für weitere Jahrzehnte der öffentlichen Himmelsbeobachtung und astronomischen Fortbildung an modernen Instrumenten braucht.

Der Eingangsbereich des Planetariums beinhaltet auch einen Shop in dem Astronomie-Interessierte Bücher, Meteoriten und sogar Teleskope erwerben können

Der Planetariumsprojektor wurde im Laufe der Zeit immer wieder modernisiert, z.B. mit Projektoren welche eine unglaubliche Wirkung in der Kuppel erzielen.

Wollen Sie die neuen Geräte live erleben?

Dann besuchen Sie die neue Sternwarte "Sigmund Jähn" Rodewisch (sobald dies wieder möglich ist)!
Alle Infos dazu auf www.sternwarte-rodewisch.de



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Über den Autor

Michael Risch

Seit er als kleines Kind die letzte Mondlandung gesehen hat, interessiert sich Michael Risch für Astronomie und Raumfahrt.1981 wurde er Mitglied im Verein der Amateurastrononen des Saarlandes und hat als Vorstandsmitglied den Aufbau der Sternwarte Peterberg begleitet. Als Mitbegründer und erster Webmaster von www.astronomie.de hat er zahlreiche Ideen und Berichte zu astronomischen- und Raumfahrtthemen zum ersten deutschen Astronomieportal beigesteuert. In der Praxis hat er sich mit Planeten- und Kometen, Sonne, Deep Sky- sowie TWAN-Style Fotografie befasst, auch auf Fernreisen u.a. zu 7 totalen Sonnenfinsternissen. Als langjähriger wissenschaftlicher Lektor hat er "Nordlicht und Sterne" Reisen in den Polarkreis geleitet. Michael hat viele eigene Fotos und Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und mit seinem Kollegen Martin Rietze für "Color Foto" Kapitel für die Bücher Fotoschule und Extremfotografie verfasst.

Bei Baader-Planetarium ist er im Sternwarten-Projektteam und wird im In- und Ausland für Vorträge gebucht. Ferner ist er Fachberater für Observatorien, Kuppeln, High End Montierungen, Teleskope und vieles mehr.

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